Jürgen Wlodarz ist seit April 2018, Leiter Programme und Beschaffung von MBDA Deutschland. Er ist außerdem Mitglied der Geschäftsführung bei MBDA Deutschland. Zuvor leitete er den Bereich integrierte Luftverteidigung Deutschland. Seit Januar 2015 ist Herr Wlodarz Board of Directors vom MEADS international. Zuvor leitete er drei Jahre lang das PATRIOT Programm von MBDA Deutschland. Zu Beginn seiner Karriere arbeitete Jürgen Wlodarz als Projektmanager, Teamleiter und Systemingenieur in diversen Abteilungen in den Bereichen der Flugabwehr, Gefechtseinsatz und Panzerabwehr der MBDA Deutschland und Euromissile in Paris.

„Luftverteidigung wird in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen“

Das Taktische Luftverteidigungssystem (TLVS) soll ab 2025 bei der Bundeswehr in die operationelle Nutzung gehen und Patriot bei der Bundeswehr ablösen. Wie wichtig diese Modernisierung der Luftverteidigung für Deutschland ist und welche Möglichkeiten sich durch TLVS und die Anbindung weiterer Systeme ergeben, betont Jürgen Wlodarz, Bereichsleiter Programme und Beschaffung von MBDA in Deutschland.

Herr Wlodarz, mit der Gründung des Joint Venture TLVS GmbH mit Lockheed Martin ist der nächste Schritt für das neue Luftverteidigungssystem der deutschen Bundeswehr getan. Auch im Nah- und Nächstbereichsschutz steht eine Modernisierung der Systeme an. Wieso ist eine Modernisierung in diesem Bereich von so großer Bedeutung?

Es ist unbestritten, dass die dynamische  Entwicklung  neuer Flugkörper die Luftverteidigung vor enorme Herausforderungen stellen wird – sei es durch neuartige taktisch ballistische Raketen, Marschflugkörper, Drohnen sowie Kampfflugzeuge fünfter Generation. Luftverteidigung wird in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen. Dies gilt nicht nur für die Luftverteidigung mittlerer Reichweite, sondern auch für den Nah- und Nächstbereichsschutz (NNbS). Die bestehenden Luftverteidigungssysteme sind diesen vielschichtigen Bedrohungen nicht mehr gewachsen. Aus diesem Grund galt und gilt es, neue Luftverteidigungssysteme zu entwickeln, die sowohl eine Antwort auf die zukünftigen Bedrohungen geben, als auch in Sachen Flexibilität neue Maßstäbe setzen. Hier geht es vor allem um die Integration und den Anschluss weiterer Systemkomponenten wie Sensoren und Effektoren und der Reduzierung von Personal und Kosten.

TLVS soll genau die Lücken schließen, die in der heutigen Luftverteidigung mittlerer Reichweite vorhanden sind. Mit welchen Neuerungen wollen Sie mit Ihrem System den Bedrohungen der Zukunft begegnen?

TLVS weist mehrere neue Fähigkeiten auf, die der Bundeswehr bisher nicht zur Verfügung stehen. Zuerst ist hier der 360-Grad-Rund-um-Schutz zu nennen, der in mehreren Tests nachgewiesen wurde. Auch der erheblich vergrößerte Schutzbereich, der weniger Einheiten in der Nutzung des Systems erfordert, hebt TLVS von bisherigen Systemen ab. Weiter ermöglicht TLVS durch seine hohe Mobilität und der Fähigkeit zum Lufttransport schnell  auf sich verändernde Lagen zu reagieren.

Besonders wichtig für die moderne Luftverteidigung ist aber vor allem auch die Möglichkeit zur Integration und Anbindung weiterer Komponenten. Dies ermöglicht eine nahtlose Zusammenarbeit mit EU- und NATO-Partnern und flexiblere Reaktion auf unterschiedliche Bedrohungslagen.

Die Bundeswehr plant auch die Modernisierung ihrer Systeme im Bereich Nah- und Nächstbereichsschutz. Welche Lösungen bietet MBDA der Bundeswehr an? Ist eine Anbindung von Systemen für den Nah- und Nächstbereichsschutz an TLVS möglich?

Die offene Systemarchitektur von TLVS ermöglicht eine Fähigkeitserweiterung  in den Bereich Nah- u. Nächstbereichsschutz (NNbS) aber genauso eine Aufwuchsfähigkeit in den Bereich Ballistic Missile Defense.

Mit NNbS und unserem Lasereffektor arbeiten wir an Systemlösungen für die Flugabwehr im Bereich  von wenigen 100 Metern bis 20 Kilometer. NNbS soll  insbesondere bewegliche Einheiten gegen Flugzeuge, Helikopter, Marschflugkörper und Mini-Drohnen schützen. Bei dem Führungssystem sind wir flexibel. Technisch ist eine Lösung über das bei dem Flugabwehrsystem MANTIS und LeFlaSys eingesetzte Integrated Battle Management System (IBMS) möglich. Ebenso kann das bei TLVS MC4IS (Mission-based Command Control Communication Computer & Information System) genutzt werden. Für beide Lösungen sind wir vorbereitet. Es wird eng mit dem TLVS Programmbereich und dem Kunden abgestimmt. Dies gilt es gemeinsam mit dem deutschen Kunden zu definieren. In der Beantwortung solcher Fragestellungen sehe ich übrigens eine der wichtigsten Aufgaben für uns als Systemhaus für Luftverteidigung. Wir stellen jetzt und in der Zukunft sicher, dass die integrierte Luftverteidigung in Deutschland im Zusammenspiel mit unseren internationalen Bündnispartnern Realität wird.